CLEARER

Case Study: vom Core Concept zur musikalischen Erzählung

Malte Schreer über Creative Development, Narrative Design und die Entwicklung einer fiktionalen Geschichte vom ersten Impuls bis zu einem ausgearbeiteten musikalischen Treatment.


Das Projekt im Überblick

CLEARER begann nicht als Musikprojekt, sondern als fiktionaler Stoff. Im Zentrum stand eine Figur, deren Wahrnehmung sich im Verlauf von fünf Zuständen verändert. Aus diesem Core Concept entwickelte sich schrittweise eine narrative Welt, in der Psychologie, Sprache, visuelle Bilder und musikalische Dramaturgie ineinandergreifen.

Creative Development
Core Concept · Figurenentwicklung · Narrative Design · Lyrics · Music Direction · visuelle Konzeption · Produktion

Narrativer Kern
Eine Figur. Fünf Bewusstseinszustände. Eine fortschreitende Veränderung der Wahrnehmung.

Ergebnis
Fiktionale Erzählung · fünfteiliger Story Arc · musikalisches Treatment · Konzept-EP (Release: 27.02.2026)


Am Anfang standen Fragen, noch ohne Geschichte und ohne klare Form. Was treibt Menschen an? Was bestimmt ihren Alltag? Was gibt ihnen Energie, was beflügelt sie, was macht sie glücklich? Und auf der anderen Seite: Wovon machen sie sich abhängig – von Gewohnheiten, Erwartungen, Menschen, Routinen, vielleicht auch von bestimmten Zuständen? Was hält sie davon ab, frei zu leben? Und wie viel von dem, was wir täglich tun, entsteht tatsächlich aus einer eigenen Entscheidung?

Aus diesen Fragen entstanden zunächst keine Antworten, sondern Bilder. Fast wie einzelne Einstellungen eines Films tauchten Situationen auf: ein Mensch in Bewegung. Ein Raum, der plötzlich zu eng wirkt. Übergänge zwischen Nähe und Isolation. Licht, das sich verändert. Stillstand nach zu viel Bewegung. Momente, in denen äußerlich kaum etwas geschieht und sich innerlich trotzdem etwas verschiebt.

Diese Bilder waren noch keine Szenen im klassischen Sinn. Aber sie besaßen bereits Atmosphäre, Rhythmus und eine emotionale Richtung. Ich begann, sie aufzuschreiben, miteinander zu verbinden und weiterzudenken. Was passiert unmittelbar vor diesem Moment? Was könnte danach geschehen? Was empfindet die Figur, ohne es auszusprechen? Welche Handlung wäre äußerlich klein und innerlich dennoch entscheidend?

Zum Kern der Geschichte

Langsam bildete sich daraus ein erzählerischer Nukleus: ein Mensch, der äußerlich funktioniert und zugleich zu spüren beginnt, dass Bewegung nicht zwangsläufig Richtung bedeutet. Dass Routinen tragen können, aber auch verbergen. Und dass irgendwann die Frage auftaucht, wie viel des eigenen Lebens tatsächlich noch aus eigener Entscheidung entsteht.

Von dort aus entwickelte sich die Figur weiter. Nicht durch ein einzelnes großes Ereignis, sondern durch eine Reihe feiner Verschiebungen. Kontrolle trifft auf Kontrollverlust, Nähe auf Rückzug, Betäubung auf Wahrnehmung, Rastlosigkeit auf Stille. Aus jeder dieser Spannungen entstand eine neue erzählerische Situation und veränderte die Perspektive der Figur ein wenig.

Storyboard: Entwicklung der EP „Clearer“, Malte Schreer 2025 / ss&ft · Visualisierung mit OpenAI Image Generation
Storyboard: Entwicklung der EP „Clearer“, Malte Schreer 2025 / ss&ft · Visualisierung mit OpenAI Image Generation

Mich interessierte dabei weniger eine klassische Krise als der Moment davor und danach: der Augenblick, in dem etwas noch funktioniert, aber nicht mehr selbstverständlich ist. Eine Bewegung wird fortgesetzt, obwohl ihr Sinn fraglich geworden ist. Ein Gegenüber erreicht die Figur auf eine Weise, die sie selbst nicht erwartet hat. Distanz fühlt sich zunächst wie Freiheit an und kippt irgendwann in Leere. Stille wird erst bedrohlich – und später zu einem Raum, in dem überhaupt wieder etwas wahrgenommen werden kann.

Aus solchen Situationen entwickelte sich nach und nach ein Spannungsbogen. Die einzelnen Fragmente begannen miteinander zu sprechen. Aus Bildern wurden Szenen, aus Szenen innere Wendepunkte, aus diesen Wendepunkten schließlich fünf Kapitel.

Die Figur bleibt dieselbe. Aber jede Station verschiebt ihr Verhältnis zu sich selbst und zu ihrer Umwelt. Genau daraus entstand die dramaturgische Bewegung von CLEARER.

Eine Geschichte in fünf Zuständen

CLEARER ist keine Sammlung voneinander unabhängiger Songs. Die fünf Tracks bilden fünf aufeinander aufbauende Kapitel derselben Geschichte. Vom ersten bis zum letzten folgen wir demselben Menschen – aber mit jeder Station verändert sich sein Verhältnis zu sich selbst, zu anderen und zu der Welt, die ihn umgibt.

Der dramaturgische Bogen beginnt nicht mit einem äußeren Ereignis, sondern mit einer Irritation. Etwas, das bisher selbstverständlich erschien, verliert seine Selbstverständlichkeit. Aus dieser ersten Verunsicherung entsteht Resonanz: Ein Gegenüber öffnet einen neuen Zugang zur eigenen Wahrnehmung. Darauf folgt Distanz – zunächst als Möglichkeit von Freiheit, später als Zustand, der selbst fragwürdig wird. Die Konfrontation mit Leere und Stille bildet schließlich eine Schwelle, bevor sich im letzten Kapitel eine neue Form von Gegenwart öffnet.

Die fünf Zustände funktionieren deshalb nicht wie abgeschlossene Episoden. Jeder trägt etwas aus dem vorherigen weiter und verändert dessen Bedeutung. Eine Frage wird zur Erfahrung, eine Erfahrung zur Entscheidung, eine Entscheidung zur Konfrontation. Erst in dieser Abfolge entsteht der eigentliche Spannungsbogen.

Dabei wollte ich die Entwicklung bewusst nicht als einfache Bewegung von dunkel nach hell erzählen. Persönliche Veränderung funktioniert selten so sauber. Bewusstsein wächst nicht zwangsläufig geradlinig, Rückschritte und Widersprüche gehören dazu, und Klarheit bedeutet nicht, dass plötzlich alle Fragen beantwortet sind.

Fiktion – und trotzdem Nähe

CLEARER ist keine Autobiografie. Der Protagonist ist eine fiktionale Figur, seine Entwicklung dramaturgisch konstruiert. Gerade diese Distanz war für mich wichtig.

Eine reale Person bringt immer bereits eine Biografie, konkrete Erfahrungen und eindeutige Zusammenhänge mit. Die Figur in CLEARER sollte dagegen offen genug bleiben, um nicht auf eine einzelne Lebensgeschichte festgelegt zu sein. Entscheidend war weniger, was diesem Menschen biografisch widerfahren ist, als die Frage, wie er bestimmte Situationen wahrnimmt und wie sich diese Wahrnehmung verändert.

Dadurch konnten die einzelnen Szenen stärker aus seinem inneren Zustand heraus entstehen. Ein Raum kann Enge bedeuten, ohne dass erklärt werden muss, warum. Ein Gegenüber kann Resonanz auslösen, ohne eine vollständig erzählte Beziehungsgeschichte zu benötigen. Bewegung, Entfernung, Stille oder körperliche Nähe werden nicht nur zu Ereignissen der Handlung, sondern zu Ausdrucksformen dessen, was innerhalb der Figur geschieht.

Die Fiktion schafft dabei eine eigentümliche Form von Nähe. Je weniger die Geschichte behauptet, ein konkreter Lebensbericht zu sein, desto leichter kann sie einen Raum öffnen, in dem andere Menschen eigene Erfahrungen wiederfinden.

Entscheidend ist deshalb für mich nicht die Frage: „Ist das wirklich passiert?“ Viel interessanter ist: Kenne ich diesen Gedanken? Diese Rastlosigkeit? Diese Entfernung? Den Wunsch, wieder etwas zu spüren? Oder diesen Moment, in dem sich die Wahrnehmung plötzlich verändert?

Der Protagonist muss nicht ich sein, damit etwas Persönliches in der Geschichte liegen kann. Und er muss nicht die hörende Person sein, damit diese sich in ihm erkennt. Und genau darin liegt für mich die Nähe von CLEARER.

Die Musik als Inszenierung

Musikalisch bewegt sich CLEARER zwischen cinematischem Alternative- und Art-Rock, elektronischen Texturen und einer Dramaturgie, die stellenweise eher an Post-Rock oder Filmscore als an klassische Songstrukturen erinnert. Das Genre war dabei nie der Ausgangspunkt. Entscheidend war vielmehr die Frage, welche musikalische Form ein bestimmter Bewusstseinszustand verlangt.

Für mich war die Musik deshalb von Beginn an Teil der Inszenierung. Sie sollte nicht erklären, was die Figur empfindet, und auch nicht bloß eine Stimmung unterlegen. Sie sollte selbst erzählen: Nähe herstellen oder verweigern, Zeit dehnen, Druck erzeugen, Leere zulassen, Bewegung antreiben oder plötzlich abbrechen.

Die fünf Tracks unterscheiden sich deshalb bewusst in Dichte, Raum, gefühltem Tempo und Dynamik. Ghost Inside The Wheel wirkt kompakt, getrieben und beinahe mechanisch. Cipher öffnet den Klangraum und lässt stärker Resonanz entstehen. Levitation dehnt Zeit und Raum am weitesten und arbeitet mit Distanz und Kontrast. The Loudest Void reduziert, zieht sich zurück und macht den Entzug selbst zum Ereignis. Unveiled Pulse öffnet die Produktion schließlich wieder vollständig: Die Energie wächst, der Klang wird körperlicher, expansiver und unmittelbarer. Diese Unterschiede sind kein beiläufiges Arrangementdetail. Sie folgen der Dramaturgie der Figur.

Tempo, Verdichtung, Wiederholung, Raum, Dynamik und Stille übernehmen dabei Funktionen, die in einem Film auch Kamera, Schnitt, Licht oder Szenenrhythmus tragen könnten. Ein enger Klangraum kann Nähe oder Beklemmung erzeugen. Ein plötzlicher Bruch kann wie ein Schnitt wirken. Wiederholung kann nicht nur musikalisches Motiv, sondern Ausdruck eines Zustands sein. Stille kann ebenso viel erzählen wie Klang.

So entstand nach und nach eine musikalische Grammatik für die fünf Kapitel. Jeder Track besitzt seine eigene Klangwelt, bleibt aber Teil desselben erzählerischen Systems. Die Musik illustriert die innere Entwicklung deshalb nicht nur. Sie übernimmt einen Teil der Erzählung.

Ghost Inside The Wheel

Ghost Inside The Wheel markiert den Ausgangspunkt der Geschichte: einen Zustand funktionierender Bewegung, unter dessen Oberfläche erstmals Zweifel entstehen.

Der Protagonist ist nicht am Boden, nicht handlungsunfähig und erlebt keinen spektakulären Zusammenbruch. Das Leben läuft. Routinen funktionieren, Entscheidungen werden getroffen, Ziele verfolgt. Genau darin liegt die Irritation. Er beginnt zu bezweifeln, ob Bewegung und Richtung tatsächlich dasselbe sind – und wie viel von dem, was er für sein Selbst hält, wirklich aus ihm selbst entstanden ist.

Im Zentrum steht die beinahe verstörend einfache Frage: „What is real inside the wheel“. Das Rad ist dabei mehr als ein Bild für Routine. Es steht für Systeme, Prägungen, Überzeugungen und die Mechanik eines Alltags, der weiterläuft, während die Figur beginnt, ihn von außen zu beobachten. Dramaturgisch ist dieser erste Track deshalb kein Zusammenbruch, sondern ein Moment des Bewusstwerdens. Etwas verliert seine Selbstverständlichkeit.

Musikalisch spiegelt sich das in einer kompakten, getriebenen und beinahe mechanischen Bewegung. Wiederholung wird hier nicht nur zum musikalischen Mittel, sondern zum Teil der Erzählung. Der Song verweigert bewusst eine Auflösung. Übrig bleibt „Just a question“. Damit beginnt CLEARER nicht mit einer Antwort, sondern mit einer Störung im bisherigen System.

Cipher

Cipher verschiebt die Geschichte von der inneren Irritation zur Resonanz. Die Fragen aus Ghost Inside The Wheel sind nicht verschwunden, aber sie haben begonnen, die Wahrnehmung des Protagonisten zu verändern. Gleichzeitig tritt nun ein Gegenüber stärker in Erscheinung.

Die Figur trägt eine große innere Welt in sich, kann sie aber kaum nach außen übersetzen. Dafür steht das Bild „There is a sea behind the eyes“. Hinter dem Sichtbaren liegt Bewegung, Tiefe und möglicherweise Überforderung – während Sprache nicht ausreicht, all das greifbar zu machen.

Dann geschieht etwas Entscheidendes: „You’re decoding me, one line at a time“. Ein anderer Mensch erreicht etwas, zu dem der Protagonist selbst noch keinen vollständigen Zugang hat. Dramaturgisch entsteht damit zum ersten Mal echte Resonanz. Die Figur wird nicht erlöst, aber sie erfährt, dass Selbsterkenntnis nicht ausschließlich im Inneren stattfinden muss.

Musikalisch öffnet sich deshalb auch der Raum. Nach der Enge und Mechanik des ersten Kapitels entsteht mehr Luft, mehr Tiefe, mehr Reaktion zwischen den Elementen. Cipher ist kein Zielpunkt. Es ist der erste Moment, in dem die innere Welt des Protagonisten eine Antwort von außen erhält.

Levitation

Levitation ist inhaltlich der zentrale Wendepunkt der Geschichte. Schon der Name des Titels führt zunächst in eine bewusst falsche Richtung: Schweben klingt nach Freiheit, Leichtigkeit, vielleicht sogar Erlösung. Doch diese Wahrnehmung kippt. Was zunächst nach Entlastung aussieht, wird zunehmend als Entfernung erkennbar.

Der Text benennt diesen Moment ungewöhnlich direkt: „The levitation was a cheap device“. Die romantische Vorstellung des Schwebens fällt in sich zusammen. Es war kein Aufstieg, sondern eine Möglichkeit, den Boden zeitweise nicht spüren zu müssen. Der entscheidende Gegenimpuls folgt wenig später: „I want the friction, I want the stone“. Reibung und Stein – eigentlich Dinge, denen man ausweicht – werden plötzlich zu etwas Erwünschtem. Der Protagonist will wieder Widerstand, Gewicht und Wirklichkeit spüren. Dramaturgisch verändert sich damit etwas Grundlegendes: Zum ersten Mal reagiert die Figur nicht nur auf ihre Wahrnehmung, sondern trifft eine Entscheidung über ihre Richtung.

Musikalisch wird dieser Schwebezustand durch gedehnte Zeit, große Räume und starke Kontraste übersetzt. Entfernung wird hörbar, bevor der Wunsch nach Reibung ihr etwas entgegensetzt. In Ghost Inside The Wheel beginnt die Figur zu fragen. In Cipher entsteht Resonanz. In Levitation entscheidet sie sich, wieder Boden zu wollen.

The Loudest Void

The Loudest Void führt diese Entscheidung nicht unmittelbar in Auflösung. Bevor sich die Welt wieder öffnen kann, wird sie zunächst still. Geräusche verschwinden, Ablenkungen verlieren ihre Funktion, und der Protagonist steht einem Raum gegenüber, der nicht sofort gefüllt werden kann. Diese Stille ist nicht einfach friedlich. Der Song nennt sie „terrifying grace“ – beängstigend und gleichzeitig kostbar.

Entscheidend ist, dass die Figur auch hier keine letzte Antwort erhält. „Maybe it’s God / Maybe it’s me“ lässt offen, woher die Stimme in dieser Stille überhaupt kommt. Dramaturgisch funktioniert dieser Track deshalb als Schwelle. Die Figur lernt nicht, die Leere zu besiegen. Sie bleibt darin. Und genau darin liegt die Veränderung.

Musikalisch wird diese Schwelle durch Reduktion, Raum und Zurücknahme erfahrbar. Was vorher Bewegung erzeugte, wird entzogen. Stille ist hier kein Mangel an Ereignis, sondern selbst das Ereignis. Erst indem der Protagonist den leeren Raum nicht sofort wieder füllt, kann etwas Neues entstehen.

Unveiled Pulse

Unveiled Pulse öffnet die Geschichte noch einmal vollständig. Nach der Stille kehrt nicht einfach das alte Leben zurück. Stattdessen wird Wahrnehmung plötzlich körperlich: Luft, Licht, Geruch, Geschmack, Erde, Kaffee, Haut, Nähe. Dinge, die vorher kaum Gewicht hatten, werden unmittelbar.

Der Protagonist denkt die Welt nicht mehr nur. Er erlebt sie. Und bis zu diesem Punkt könnte CLEARER fast wie eine Variante der klassischen Heldenreise erscheinen: Eine Figur verlässt einen vertrauten Zustand, durchläuft Konflikte und kehrt verändert zurück. Doch genau diese Rückkehr verweigert der letzte Track.

Die entscheidende Zeile lautet „Not a return, but a birth“. Der Mensch aus dem ersten Kapitel wird nicht wiederhergestellt. Er kehrt nicht in eine frühere Ordnung zurück und trägt auch keine fertige Erkenntnis nach Hause. Dramaturgisch ist Unveiled Pulse deshalb weniger Auflösung als Transformation.

Musikalisch öffnet sich die Produktion entsprechend: mehr Energie, mehr Körper, mehr Expansion, mehr Unmittelbarkeit. Was zuvor eng, entfernt oder leer war, bekommt wieder Gewicht und Präsenz. Wenn schließlich „Clearer!“ erscheint, ist Klarheit keine endgültige Antwort. Sie ist ein Zustand größerer Wahrnehmung.

Eine Figur in der Ich-Perspektive

Die Texte von CLEARER sind aus der Ich-Perspektive geschrieben. Diese Entscheidung war weniger stilistisch als dramaturgisch. Spannend war aus meiner Sicht nicht der Blick auf die Figur von außen, sondern der Zustand, in dem Wahrnehmung und Selbstdeutung noch nicht voneinander getrennt sind. Wir wissen nur, was dieser Mensch selbst wahrnimmt, erinnert, vermutet oder in einem bestimmten Moment für wahr hält. Dadurch bleibt die Geschichte bewusst subjektiv.

Die Figur kann sich irren. Sie kann Dinge übersehen, Zusammenhänge falsch deuten oder erst später verstehen, was eine frühere Situation bedeutet hat. Genau diese Begrenzung macht ihre Entwicklung für mich interessant. Die Geschichte erzählt nicht aus einer Position der fertigen Erkenntnis, sondern aus dem Inneren einer Veränderung.

Auch deshalb vermeiden die Texte weitgehend erklärende Biografie. Der Protagonist berichtet nicht ausführlich, woher er kommt, welche Ereignisse ihn geprägt haben oder wie sein bisheriges Leben verlaufen ist. Stattdessen begegnen wir ihm in konkreten Zuständen: in Bewegung, in Resonanz mit einem anderen Menschen, in Distanz, in Stille, in einer plötzlich veränderten Wahrnehmung des eigenen Körpers und der Umwelt.

Aus der Figur heraus

Die Sprache folgt dieser Perspektive. Sie erklärt nicht zuerst und bebildert anschließend, sondern arbeitet mit Fragmenten, Beobachtungen und wiederkehrenden Motiven. Rad, Meer, Schweben, Stein, Leere oder Puls sind deshalb nicht als Symbole mit einer einzigen festgelegten Bedeutung gedacht. Sie entstehen aus dem Erleben der Figur und verändern ihren Sinn im Verlauf der Geschichte. Für das Schreiben bedeutete das, immer wieder dieselbe Frage zu stellen: Was kann dieser Mensch in diesem Moment tatsächlich wissen?

Nicht: Was weiß ich als Autor über die Geschichte? Sondern: Was sieht, hört, erinnert und empfindet die Figur genau jetzt?

Diese Begrenzung wurde zu einem wichtigen Teil des Narrative Designs. Sie hält die Geschichte nah an der Figur und lässt gleichzeitig genug Raum, damit die hörende Person eigene Erfahrungen in diese Wahrnehmung hineinlegen kann.

Die Ich-Perspektive macht CLEARER deshalb nicht autobiografisch. Sie macht die innere Bewegung unmittelbar.

Musikalisches Prototyping

Als die dramaturgische Architektur, die Figur und die Texte weit genug entwickelt waren, nutzte ich generative Werkzeuge zunächst als Instrument des Prototypings, um die musikalische Welt von CLEARER hörbar zu machen. Die stilistische Richtung war für mich zu diesem Zeitpunkt bereits klar. Unterschiedliche Ansätze ließen sich dadurch schnell gegeneinander testen: Welche Energie trägt eine Szene? Welche Klangsprache unterstützt den inneren Zustand der Figur? Wo entsteht etwas musikalisch Interessantes, das dramaturgisch trotzdem in die falsche Richtung führt?

Gerade diese Differenzierung wurde im weiteren Prozess wichtig. Es entstanden unterschiedliche Varianten, die ich miteinander verglich und weiterentwickelte. Mehrfach passte ich das Sounddesign an, kombinierte Ansätze oder verwarf sie wieder. Der Maßstab blieb dabei immer derselbe: Jede Entscheidung musste zur Story passen und jeder Track entsprechend maßgeschneidert werden.

Cover: EP Clearer von Malte Schreer

Aus diesem Prozess entwickelte sich die musikalische Sprache von CLEARER. Der ursprüngliche Stoff blieb derselbe; nur das Ausdrucksmittel veränderte sich. Aus Text wurde Klang, aus dramaturgischen Zuständen wurden Spannungsbögen, aus den ursprünglich imaginären Filmszenen eine musikalische Inszenierung.

Damit wurde aus dem ursprünglichen Creative Development Schritt für Schritt eine narrative EP – und zugleich etwas, das ich bis heute als musikalisches Treatment eines größer gedachten Stoffes verstehe.

Arbeiten mit KI

Für mich liegt darin auch die eigentliche kreative Arbeit mit generativen Systemen. Technologie kann Möglichkeiten erzeugen und Exploration beschleunigen. Sie entscheidet aber nicht, welche davon für eine Figur, einen Moment oder einen dramaturgischen Bogen Bedeutung bekommt.

Autorenschaft liegt für mich deshalb nicht in einem einzelnen erzeugten Klang, sondern im Zusammenhang: im Konzept, in den Texten, in der dramaturgischen Architektur, in der Richtung und in der Auswahl – und ebenso in all dem, was bewusst nicht Teil des fertigen Werks wurde.

CLEARER wurde auf diese Weise zu mehr als einer Skizze. Die veröffentlichte EP ist ein eigenständiges Werk und zugleich ein weit entwickeltes musikalisches Treatment: Stimmen, Klangwelt, Dynamik und emotionale Entwicklung sind konkret ausgearbeitet, während der ursprüngliche Stoff offen genug bleibt, um auch in anderen Produktionsformen weitergedacht zu werden.

Ein hybrider Produktionsprozess

Das generierte Material war nicht das Ende der Produktion, sondern Teil eines hybriden Workflows. Ich arbeitete mit weiteren digitalen und analogen Tools, wählte Material aus, bearbeitete, strukturierte und kombinierte es und formte daraus die endgültige Klangwelt. Manche Ansätze blieben nah an ihrem Ausgangspunkt, andere veränderten sich stark, vieles wurde vollständig verworfen.

Dabei ging es zunehmend weniger um das Erzeugen neuer Möglichkeiten als um Auswahl, Präzisierung und Ausarbeitung. Arrangements wurden verändert, Übergänge geschärft und einzelne Elemente so lange angepasst, bis sie nicht nur musikalisch funktionierten, sondern ihren Platz innerhalb des jeweiligen Tracks und der übergeordneten Dramaturgie gefunden hatten. Aus dem Prototyping wurde so Schritt für Schritt Produktion.

Finalisierung und Mastering

Am Ende der Produktion wollte ich bewusst noch einmal eine Perspektive von außen. Die finalen Masters entstanden daher bei Fabian Tormin, Plätlin Mastering in Hamburg. Für mich war dieser Schritt weniger eine weitere Phase der Klanggestaltung als ein letzter professioneller Blick – beziehungsweise ein letztes professionelles Ohr – auf das Gesamtbild. Wer lange innerhalb eines Projekts arbeitet, kennt irgendwann jede Entscheidung, jede Unsicherheit und jeden Weg, der nicht gegangen wurde. Von außen zählt zunächst etwas anderes: Funktioniert das Ergebnis als Ganzes?

Wie verhalten sich Kraft und Transparenz zueinander? Bleibt die Dynamik der einzelnen Tracks erhalten? Und wirkt die EP auch über fünf unterschiedliche Klangräume hinweg wie ein zusammenhängendes Werk?

Ich mag den Gedanken, dass eine Produktionskette, in der digitale und generative Werkzeuge bewusst eingesetzt wurden, am Ende wieder bei etwas sehr Einfachem ankommt: Jemand hört noch einmal genau hin – mit Abstand zum Entstehungsprozess und zum ersten Mal von außen auf dieses kleine Story-Universum.

Was aus CLEARER geworden ist

Rückblickend ist CLEARER für mich ein Beispiel dafür, was entstehen kann, wenn das Medium am Anfang eines Creative-Development-Prozesses noch nicht feststeht. Aus einem abstrakten Impuls wurden Bilder, daraus eine Figur, aus der Figur eine Dramaturgie und schließlich Sprache, Klang und ein eigenständiges Werk.

Der Film, der zunächst nur in einzelnen Einstellungen vor meinem inneren Auge existierte, wurde nie gedreht. Trotzdem ist etwas von ihm geblieben: in fünf Kapiteln, in imaginären Räumen und in einer Figur, deren Wahrnehmung sich von Track zu Track verändert.

CLEARER bleibt Fiktion. Aber vielleicht ist Fiktion gerade deshalb ein guter Ort, um etwas über uns selbst herauszufinden. Man muss nicht erlebt haben, was dieser Protagonist erlebt. Vielleicht genügt ein einzelner Moment, in dem man beim Hören denkt: Diesen Gedanken kenne ich. Diese Rastlosigkeit kenne ich. Diese Stille kenne ich. Und vielleicht kenne ich auch dieses Gefühl, wenn etwas plötzlich wieder größer, heller und unmittelbarer wird.

Am Ende hat die Figur nicht alle Antworten. Sie ist auch nicht wieder die Person vom Anfang.

Sie sieht die Welt nur anders:

Clearer …

Was diese Case Study zeigt

Für mich zeigt CLEARER vor allem, wie sich ein Stoff medienübergreifend entwickeln lässt, bevor seine endgültige Form feststeht. Ausgangspunkt war weder ein Song noch ein fertiges Filmkonzept, sondern eine Figur, ein psychologischer Kern und eine dramaturgische Bewegung.

Daraus entstanden Narrative Design, Szenen, Texte, visuelle Motive und schließlich eine musikalische Welt. Creative Development bedeutet für mich genau dieses Zusammendenken: nicht einzelne Disziplinen isoliert zu behandeln, sondern eine gemeinsame kreative Logik zu entwickeln, aus der unterschiedliche Formen entstehen können.

Creative Development & Co-Production

Ich arbeite an Stoffen dort, wo Konzept, Figur, Dramaturgie, visuelle Sprache und Musik noch gemeinsam entwickelt werden können.

Wenn du an einem filmischen, musikalischen oder audiovisuellen Projekt arbeitest, das eine stärkere konzeptionelle Klammer braucht – oder an einer Idee, deren endgültige Form noch offen ist –, kann genau dort eine Zusammenarbeit beginnen.

CREATIVE DEVELOPMENT · NARRATIVE DESIGN · MUSIKALISCHE DRAMATURGIE · CO-PRODUCTION